Wenn Worte nicht reichen – warum Video manchmal effektiver ist als viele Gespräche
In meiner Arbeit begleite ich seit vielen Jahren Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte. Ein großer Teil dieser Begleitung bestand lange Zeit u. a. aus Gesprächen. Wir haben Situationen gemeinsam angeschaut, über das Verhalten eines Kindes gesprochen, überlegt, was ein Kind gerade braucht und was in solchen Momenten hilfreich sein könnte.
Ich habe versucht, möglichst genau zu beschreiben, was ich beobachte. Wie ein Kind schaut. Wann ein Kind sich zurückzieht. Wann ein Erwachsener vielleicht einen Moment länger warten könnte oder wie hilfreich es sein kann, ein Kind in seinem Tun zu begleiten.
Und oft hatte ich das Gefühl, dass mein Gegenüber mich gut versteht.
Die Eltern oder Fachkräfte nickten und sagten dann so Worte wie:
„Ja, das ergibt Sinn.“
„So habe ich das noch gar nicht gesehen.“
Trotzdem passierte später häufig etwas Interessantes.
Wenn wir uns beim nächsten Mal wieder trafen und über die Situation sprachen, stellte sich heraus, dass das, was ich gemeint hatte, ganz anders angekommen war.
Wenn jeder ein anderes Bild im Kopf hat
Mit der Zeit habe ich verstanden, warum das so ist.
Wenn wir über eine Situation sprechen, entstehen in unseren Köpfen natürlich Bilder. Ich erzähle etwas und sehe dabei innerlich eine ganz konkrete Szene vor mir. Vielleicht sehe ich ein Kind vor mir, das gerade etwas entdeckt, während der Erwachsene daneben steht. Vielleicht sehe ich einen Moment, in dem ein Erwachsener kurz wartet und dem Kind Raum gibt.
Mein Gegenüber hört meine Worte, aber in seinem Kopf entsteht ein anderes Bild.
Dieses Bild ist geprägt von eigenen Erfahrungen, eigenen Erinnerungen und dem, was man selbst in ähnlichen Situationen erlebt hat.
Wir sprechen also über das gleiche Thema, aber innerlich sehen wir unterschiedliche Szenen.
Das führt dazu, dass etwas zwar theoretisch verstanden wird, aber in der Praxis trotzdem schwer umzusetzen ist.
Viele Eltern oder Fachkräfte melden mir dann später zurück:
„Ich weiß eigentlich, was gemeint ist, aber in der Situation weiß ich nicht so genau, wie ich es machen soll.“
Oder sie setzen etwas um, aber ganz anders, als es ursprünglich gemeint war und erleben dann keine gewünschte Veränderung.
Sie wollten es besonders gut machen, jedoch waren die Bilder im Kopf einfach zu unterschiedlich.
Der Moment, in dem sich etwas verändert hat
Ich habe deshalb lange Zeit nach etwas gesucht, womit ich die Erwachsenen effektiver begleiten kann. Vor ungefähr fünfzehn Jahren bin ich zum ersten Mal mit der Marte-Meo-Methode in Berührung gekommen. Dort wird mit kurzen Videosequenzen aus dem Alltag der Fachkräfte oder Eltern gearbeitet.
Und ich erinnere mich noch gut an einen der ersten Momente, in denen ich Videoarbeit erlebt habe.
Wir haben eine kurze Videosequenz angeschaut. Eine ganz alltägliche Situation zwischen einem Erwachsenen und einem Kind.
Beim ersten Anschauen wirkte alles ziemlich unspektakulär. Nichts Dramatisches und nichts Auffälliges.
Und dann schauten wir noch einmal genauer hin.
Plötzlich wurde sichtbar, wie der Erwachsene das Kind anschaut. Wie er einen Moment wartet. Wie er aufgreift, was das Kind gerade tut.
Und wir konnten beobachten, wie das Kind darauf reagiert.
In diesem Moment wurde mir klar, wie viel in diesen scheinbar kleinen Begegnungen steckt.
Wenn wir auf das gleiche Bild schauen
Der entscheidende Unterschied bei der Videoarbeit ist erstaunlich einfach.
Wir sprechen nicht mehr über Vorstellungen.
Wir schauen gemeinsam auf eine reale Situation.
Alle sehen die gleichen Bilder.
Das verändert das Gespräch vollkommen.
Ich kann auf etwas ganz Konkretes aufmerksam machen. Auf einen Blickkontakt oder auf einen Moment des Wartens und auf eine kleine Reaktion des Kindes.
Und die Eltern oder Fachkräfte sehen es selbst und in diesem Moment entsteht ein gemeinsames Verstehen.
Wir sprechen dann über genau das, was tatsächlich passiert.
Der Moment, in dem Menschen ihre eigene Wirkung sehen
Was mich an dieser Arbeit bis heute besonders berührt, ist auch noch etwas anderes.
Wenn Eltern oder Fachkräfte sich selbst in einer solchen Situation sehen, passiert häufig etwas sehr Bewegendes.
Sie entdecken Dinge, die ihnen vorher gar nicht bewusst waren.
Zum Beispiel, wie aufmerksam sie das Kind anschauen.
Oder wie sie ein Kind begleiten, während es etwas ausprobiert.
Und sie sehen gleichzeitig, wie das Kind darauf reagiert.
In diesem Moment erleben sie ihre eigene Wirksamkeit.
Sie sehen nicht nur, dass etwas hilfreich ist, sie erleben es direkt.
Dieses eigene Erleben hat eine ganz andere Qualität als jede Erklärung.
Denn was man selbst gesehen und gespürt hat, versteht man auf einer viel tieferen Ebene.
Kleine Momente mit großer Wirkung
Viele der Situationen, die wir in der Videoarbeit anschauen, sind eigentlich ganz unscheinbar.
Ein kurzer Blick.
Ein Moment des Wartens.
Ein gemeinsames Lächeln.
Ein Erwachsener, der das, was ein Kind tut, in Worte fasst.
Gerade diese kleinen Momente haben oft eine große Bedeutung für die Entwicklung eines Kindes.
Sie geben Orientierung, Sicherheit und das Gefühl, gesehen zu werden.
Und wenn Erwachsene beginnen, diese Momente bewusster wahrzunehmen, verändert sich häufig auch das Miteinander im Alltag.
Das sind dann keine komplizierten Strategien, eher ein feineres Wahrnehmen dessen, was bereits geschieht.
Warum mich dieser Ansatz bis heute so begeistert
Was mich an Marte Meo von Anfang an fasziniert hat, ist, wie gut sich dieser Ansatz mit meiner eigenen Art zu arbeiten, zu begleiten verbindet.
In meiner Arbeit geht es mir nie darum, Kinder zu formen oder an ihnen zu (er)ziehen, damit sie sich in eine bestimmte Richtung entwickeln. Mir geht es darum, Kinder in ihrer eigenen Entwicklung zu begleiten. Sie dabei zu unterstützen, ihre Welt zu entdecken, eigene Lösungen zu finden und Schritt für Schritt ihre Fähigkeiten zu erweitern.
Manchmal bedeutet das, einfach Raum und Zeit zu geben.
Manchmal bedeutet es, ein Kind in seinem Tun aufmerksam zu begleiten.
Und manchmal bedeutet es auch, genau im richtigen Moment eine kleine Unterstützung zu geben.
Die Videoarbeit hat sich genau dort eingefügt.
Sie hilft, diese feinen Momente sichtbar zu machen. Sie zeigt, wo Entwicklung bereits stattfindet und wie Erwachsene Kinder darin unterstützen können, ohne ihnen etwas abzunehmen, das sie selbst entdecken können.
Als ich das damals erlebt habe, hat mich das so begeistert, dass ich den Weg konsequent weitergegangen bin.
Ich habe zunächst den Basiskurs gemacht, danach die Ausbildung zur Marte-Meo-Therapeutin, später die Qualifikation zur Kolleg*innenberaterin und schließlich auch die Supervisionsausbildung.
Inzwischen bilde ich schon lange selbst Fachkräfte und andere Interessierte in diesem Ansatz aus.
Auch nach vielen Jahren in der Begleitung von Kindern, Eltern und Fachkräften berühren mich diese (kleinen) Entwicklungs-Momente immer noch. Wenn Erwachsene beginnen, diese feinen Signale in der Interaktion mit Kindern zu sehen, verändert sich oft etwas Grundlegendes im Miteinander. Und genau deshalb integriere ich bis heute so gerne diesen Ansatz in meine Begleitung von Menschen.


